Kriegsgräber in BY

Franz Masser
Polizeipräsident a.D.
D 22453 Hamburg
Lokstedter Damm 25 A
z. Zt. Rogatschew
Stand: 26.4.2007
Tel.: 8 - 10 -49 - 40 - 553 41 33
Fax: 8 - 10 - 49 - 40 - 557 60 485
eMail franzmasser@hotmail.com

Konzept

Redebeitrag

10 Jahre gemeinsame ehrenamtliche Lokalisierungsarbeit nach den Gräbern der Opfer des Ersten und des Zweiten Weltkrieges

Erinnerungsstätten und würdige Bestattung auch der Vermissten

gemeinsame Friedensarbeit in unterem Gesamteuropa der gleichberechtigten Völker, die Lehren unsrer Geschichte als Voraussetzung für Versöhnung in der Wahrheit dem Fundament der Friedenssicherung für die auf uns folgenden Generationen

Anrede

Ich danke auch heute Wer die Ehre, erneut zu dem völkerverbindenden gemeinsamen humanitären Anliegen der Kriegsgräberfürsorge mit einigen persönlichen Gedanken beitragen zu dürfen.

Lassen Sie mich jedoch zunächst dafür danken, schon 10 Jahre immer wieder Gast in Ihrem Lande sein zu dürfen.

Die vielen tausend Explorationen insbesondere mit den Menschen der Kriegsgenerationen die trotz des von uns zugefügten Leidens die Suche nach den meist oberirdisch nicht mehr erkennbaren Grablagen unterstützen, zeigen das Verständnis in dem durch ideologische Verblendung mit verursachtem unsagbaren Leid, das unsere Völker besonders in dem letzten Krieg heimgesucht hat.

Nach z.B. den Angriffskriegen Frankreichs 1812 unter Napoleon sowie 1920 durch Polen muss in Demut vor der Wahrheit der Geschichte m.E. auch heute gesagt werden Werfen, dass es die durch die Mitglieder und Sympathisanten der "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei" berufene Regierung war, die noch einem langjährigen jedoch letztlich weitgehend einvernehmlichen, Prozeß trotz des Ruhens der einseitigen Bedingungen des Versailler-Friedensdiktates ihre vertragsvölkerrechtswidrig begonnen Angriffskriege auch gegen Russland am 22. Juni 1. 941 zu verantworten hat.

Damals wurde von uns Deutschen die SSR Belarus als "Weissruthien" bzw. nach der Besetz- ung ab 1.9.1941 als "Generalkommissariat Weissruthenien" bezeichnet.

Der von uns Deutschen begonnene Krieg führte in der Republik Belarus zu furchtbaren Opfern:

  • mehr als 25 % der Zivilbevölkerung wurde ausgelöscht (nach neueren Forschungen etwa 30 %)
  • alle Städte vernichtet und
  • mehr als 9000 Dörfer verbrannt sowie
  • mehr als 380.000 Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert
  • Trostenez als Konzentrationslager errichtet, in dein als 4.-grösste Massenmordstätte Europas mehr als 546.000 Menschen. sadistisch ermordet und "enterdet" wurden.

Keine Familie in Belarus, der der 2.-Weltkrieg nicht unsägliches Leid zufügte.

Für die Generation meines Vaters und meiner Grossväter bitte ich um Vergebung. Ich verneige mich vor den Opfern jeglicher Gewalt- und Willkürherrschaft.

Lassen Sie ums bitte aber auch nicht vergessen, dass es in unserer leider wechselvollen, Geschichte auch langfristige Perioden gab, die durch gemeinsame Interessen unsere Beziehungen kulturell wirtschaftlich und politisch ausgesprochen positiv beeinflussten.

Nur beispielhaft möchte ich auf das "Magdeburger Recht" hinweisen dürfen dass in Belarus ab Ende des 14. Jahrhunderts zur Selbstverwaltung in den Städten Brest 1390, Grodno 1391, Sluzk 1441, Polozk 1498 und Minsk 1499 mit blühendem Handel führte

(ein Blick auf alte topografische Karten, dokumentiert, das.-, Belarus und das Deutsche Reich längere Zeit im Raum Bialostok bis Grodno Nachbarn gewesen sind).

Unsere tiefgehenden gemeinsamen kulturellen Wurzeln, unser gemeinsames für unser gemeinsames Streben nach Gleichberechtigung und die in Ihrem Lande verfassungsrechtlich garantierte und z.B. in den Wahlen auch praktizierte unmittelbare Demokratie haben mir nach meiner Überzeugung seit 10 Jahren die Möglichkeit eröffnet als Polizeifachmann persönlich unabhängig und ehrenamtlich die von anderer deutscher Seite offenkundig nicht genutzten Möglichkeiten auszufüllen, die der Erinnerung und Mahnung dienende Friedensarbeit ergebnisorientiert wahrzunehmen.

Hierzu nur einige konkrete Fakten:

  1. Bis heute konnten 3.442 Lokalisierungshinweise zu grundsätzlich ober-irdisch NA mehr erkennbaren Grablagen mit guter Hüte noch lebender belorussischer Zeitzeugen ermittelt und die während der Besatzungszeit durch die ehemalige deutsche Wehrmacht angelegten Soldatenfriedhöfe mit beispielhafter Unterstützung der Deutschen Dienststelle (WASt) dokumentiert werden. Diese Friedhöfe gilt es m.E. - überall dort wo möglich - als gemeinsames Bekenntnis zum Frieden wiederherzurichten.
  2. Wenngleich in deutschen Veröffentlichungen zu lesen war; ein deutscher Verein habe den Soldatenfriedhof Chodossowitschi wiederhergerichtet, darf ich auch insofern der Wahrheit dienend Ihnen berichten, dass eingebettet in das Verständnis und mit Zustimmung der Rajonverwaltung Rogatschew sowie des Veteranenverbandes Rogatschew die Wiederherrichtung des Friedhofes gemeinsam mit Freunden ums Rogatschew allein von privater deutscher Seite erfolgte.
    Dort, wo nach polizeilichen und in guter Zusammenarbeit mit der Deutschen Dienststelle eine Identifizierung der im) den Gräbern ruhenden Toten mit den in der Duschen Dienststelle (WASt) vorhandenen Grablagekarteikarten möglich war, sind Name, Geburts- sowie Todestag auf den Kreuzen vermerkt.
    Schon allein Geburts- und Todesdatum mahnen und werfen die Frage auf ob es sich bei so jungen Menschen wirklich um Täter handelte oder ob die Toten ohne Möglichkeit eigener Entscheidung schicksalsbedingt an diesem Krieg teilzunehmen mussten - wie Ihre gleichaltrigen Gegner auf der anderen Seite, die aber unbestreitbar einen berechtigten, einen heiligen Krieg zur Verteidigung und Befreiung ihres Landes führten.
    Für Sie als Historiker mag von Interesse sein, dass mit Chodossowitschi der erste deutsche WK-II-Friedhof in Belarus bereits im Herbst 1999 wieder hergerichtet und in die Obhut der dort lebenden Menschen als "deutscher Friedhof" aufgenommen wurde.
    Zu unserem Thema merke ich an, dass es m.E. keines gesonderten Monumentes bedarf - die Frieden ausstrahlende Atmosphäre des in einem Wald gelegene Friedhofes erfüllt dieses Anliegen in jeglicher Hinsicht.
  3. Als wesentliche Voraussetzung zur Wiederherrichtung der Friedhöfe der deutschen Kriegstoten und Zwangsdeportierten konnten A Ergänzung zu den von Frau Dipl. Ing. Olga Shapovalova bis heute, also ebenfalls in 1 0jähriger ehrenamtl icher Arbeit, 488 Grablageskizzen erarbeitet werden, hiervon 130 Gefangenenfriedhofs-Lokalisierungsskizzen bzw. Gefangenenfriedhofs-Belegungspläne.
    Auch diese zeitgeschichtlichen Dokumente bezeugen das Verständnis der vielen Vor-Ort-Zeitzeugen - aber auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den hochqualifizierten und engagierten Historikern Ihres Landes, von denen ich beispielhaft und sehr gerne meinem Kollegen und Freund, Herrn Prof. Anatoli Scharkow, Oberst der Polizei, ausdrücklich für die langjährige und gute Zusammenarbeit danke.
    (Vielleicht ist es bei dieser Gelegenheit erlaubt, ausserhalb des Protokolls anzumerken, dass meine belarussischen Kollegen auch im vergangenen Jahr die Zuwanderung von etwa 4.000 illegalen Einwanderern - z.T. Kriminellen - in das Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen ihrer grenzpolizeilichen Aufgaben verhinderten!).
  4. Am 24. September 2003 übergab der Botschafter Ihres Landes, S.E. Wladimir Skworzow in der Vertretung meines Landes in Berlin eine Sammlung von etwa 29.000 Datensätzen zu auf dem Territorium der Republik Belarus verstorbenen deutschen Kriegsgefangenen und Zwangsdeportierten, die wohl zu etwa 15.000 Schicksalsklärungen beigetragen haben dürften, an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.
  5. Hier auf dem Tisch sehen Sie eine Akte, in der neben grundlegenden historisch-wissenschaftlichen Ausführungen meines Freundes Anatoli Scharkow zu den sowjetischen und deutschen Kriegsgefangenen in den Jahren des Zweiten Weltkrieges weitere Unterlagen sind, so auch hins. der in Belarus und Deutschland hierzu geltenden Rechtslage.
    Ich bedauere, auch im Gedenken an meinen zwischen Orscha und Minsk Bruder dass das menschlich grossherzige Angebot der Republik Belarus vom 24.09.2003, durch Intensivierung (Irr Zusammenarbeit weitere Schiksalsklärungen zu ermöglichen, m.W. von deutscher Seite zumindest offiziell nicht aufgegriffen wurde.
    Dennoch. Das Ergebnis der fast 4-jährigen weitergehenden ehrenamtlichen gemeinsamen Recherchen wird Herr Botschafter Skworzow voraussichtlich in der 25. 101 in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt bin Berlin als weitere praktische Arbeitsgrundlage und als Ausdruck unserer gemeinsamen Werteordnung den deutschen Partnern übergeben.
  6. 6. Für den ihm Auftrage der deutschen Bundesregierung tätigen privaten eingetragenen Verein "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V." erklärte der damaligen Vertreter der Geschäftsstelle Minsk sinngemäss und unwidersprochen, man werde nicht nach den Vermissten suchen, sondern ein Erinnerungsmal mit deren Namen errichten.
    Diesen Opfern des Krieges ein würdiges Grab zu verweigern, ist hier aus ethischen und rechtlichen Gründen nicht nachzuvollziehbar.
    Meine persönliche Betroffenheit als Bürger und als Bruder eines Vermissten erläutere ich des übergeordneten humanitären Anliegen wegen undicht öffentlich, merke jedoch aus meiner private Anliegen nicht mit ehrenamtlichen Aufgaben auch nur vom Anschein her zu vermischen ausdrücklich an, die Suche nach meinem Bruder im Raum Knjashizy schon vor Jahren ausgesetzt zu haben.
    Nachvollziehbar ist m.E. auch nicht die Weigerung der deutschen Seite in 2001, das Angebot unserer belarussischen Partner zur Gründung einer Gemeinsamen belarussischen-deutschen Lokalisierungskommission trotz zustimmender Weiterleitung der Deutschen Botschaft Minsk sowie der Befürwortung durch die Deutsche Dienststelle (WASt), noch vor dem Ableben der belarussischen Zeitzeugen zu realisieren.
    Hier sind null unentschuldbar 6 Jahre verstrichen - mit den daraus resultierenden und allein von der entsprechenden deutschen Seite zu vertretenden Folgen.
    So sind hier bereits ohne Exhumierungen div. Hinweise auf Grablagen Vermisster bekanntgeworden die m.E. bei sinnvoller Zusammenarbeit vor Ort wesentlich verdichtet werden könnten, z.B. durch die damals von unseren Freunden vorgeschlagene Gemeinsame Lokalisierungskommission in guter, ergebnisorientierter polizeifachlicher Zusammenarbeit mit etwa 22.000 pensionierten belarussischen Kollegen!).
  7. Durch guten Zusammenarbeit mit meinen belarussischen Freunden und Kollegen ist - für Sie als Historiker m.E. ebenfalls von Interesse - erst jetzt deutlich geworden, dass in den Archiven der Republik Belarus offenkundig keine Unterlagen über deutsche Kriegsgefangene vorhanden sind, die auf dem Territorium der Republik Belarus ab etwa Mitte 1944 bis z.T. in das Frühjahr 1945 als Kriegsgefangene im Arbeitsdienst verwandt wurden.
    So z.B. auch nicht über die ab etwa Mitte 1944 bis Frühjahr 1945 in Rogatschew (ehemaliger sow. Schützengraben hinter der Schule Nr. 2) etwa 300 in Gomel (Panzerabwehrgraben Alter Flugplatz) ebenfalls etwa 300 Sterbefälle sowie in einem Kgf.-Lager in Mogilew etwa 900 Sterbefälle. Um auch diese Toten als Bekenntnis zum Frieden und zu den uns gemeinsam tragenden Grundwerten würdig zu bestatten, um so endlich den noch lebender Angehörigen zu ermöglichen, inneren Frieden finden, bitte ich Sie als Historiker um fachliche Hilfe.
    Lassen Sie uns auch diesen Teil unserer gemeinsamen Geschichte Wer das Territorium der Republik Belarus klären uni so den nachfolgenden Genera-tionen Versöhnung in der ganzen Wahrheit zu ermöglichen.

Schlussbetrachtung

Ich bin der Auffassung dass in der gegenwärtigen politischen Lage, die m.E. in Hinblick auf Belarus insbesondere. durch die transatlantische Sehe sowie der EU geprägten Und weitgehend durch die seit 1989 überholten amerikanischen globalen Militärdoktrin verursachten Diskriminierung der Belarussen und ihres Gemeinwesens bestimmt wird, schon des Prinzips der Redlichkeit und der Erfüllung der UNO-Charta wegen verantwortlich zu begegnen ist.

Um die Wahrheit des Lebens der Menschen in Belarus vor Ort selbst va erfahren ihre Male und wirtschaftliche Situation besser beurteilen und um die Friedenssehnsucht der Menschen selbst erleben und bewerten zu können, bleibt m.E. nur die Empfehlung an die Politiker Westeuropas, von Vorverurteilungen, und den m.E. hierzu scheinbar dienenden Kurzreisen nach Minsk Abstand zu nehmen, die Menschen und das Land tatsächlich kennenzulernen und an den Gedenkstätten der Kriege Einsicht für eine langfristig verantwortbare gesamteuropäische Friedenspolitik zu gewinnen.

In einem Europa, das von unsere abendländischen Kultur getragen wird und zu deren gemeinsamen Werten wir uns bekennen, darf es keine unterschiedliche Bewertung gleichen Tuns oder gleichen Unterlassens geben.

Dieses Vermächtnis der Opfer jeglicher Gewalt- und Willkürherrschaft zu erfüllen, ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Ich schliesse mich deshalb gerne den Worten an, die Herr Botschafter Skworzow am 24.09.2003 prägte:

" ... Man sieht zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Belarussen und die Deutschen den gleichen. Grundprinzipien, nämlich denen der Reue, der Versöhnung und Vergebung, folgen.
Darin sehe ich einen Unterpfand dafür, dass Belarus und Deutschland nie wieder in einer Situation sein werden, wo sie durch künstlich aufgebaute Hürden, geschweige denn durch eine Frontlinie, getrennt werden ... "

 


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