Der Soldatenfriedhof Chodossowitschi

Interview

über den deutschen Soldatenfriedhof bei Chodossowitschi
(Rayon Rogachev / Oblast Gomel / Republik Belarus) mit
Herrn Polizeipräsident a.D. Franz Masser, Hamburg,
am 31. August 2002 in Rogachev


Frage:

Warum hier in Weissrussland ein spezieller deutscher Soldatenfriedhof?

Antwort:

Die gemeinsame tragische Geschichte des letzten Weltkrieges, die unsere beiden Völker - Deutschland und Weissrussland, damals Sowjetunion - durch die Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten erlitten haben, führte dazu, dass in heute nicht mehr konkret erfassbaren Zahlen auf beiden Seiten furchtbare Menschenopfer zu beklagen waren.
Der 2. Weltkrieg ist die Ursache dafür, dass etwa ab November 1943 bis Februar 1944 in Chodossowitschi neben einem Feldlazarett ein Soldatenfriedhof eingerichtet wurde.

Frage:

Wie kommen Sie überhaupt dazu, sich hier um so einen Friedhof zu kümmern, immerhin sind Sie lediglich Privatperson!

Antwort:

Durch langjährige humanitäre Kontakte entstand ein tiefgehendes Vertrauensverhältnis zu der hiesigen Rayonverwaltung. Als eines Tages - durch einen Zufall geprägt - eine Familie Dr. Oonk aus Hildesheim das Grab des Bruders der Ehefrau suchte, der in Chodossowitschi bestattet ist, wurde die Frage von weißrussischen Partnern an mich gerichtet, ob ich nicht helfen könne, das Grab des Soldaten Heinrich Uthoff zu lokalisieren.

Frage:

Wie sind die historischen Hintergründe dieses Friedhofs? Sie sagten bereits, das dort ein Feldlazarett gewesen sei. Was ist bekannt zum Standort des jetzigen Friedhofs?

Antwort:

Historisch ist bekannt, dass die Frontlinie Ende 1943 bis etwa Februar 1944 einige Kilometer weiter ostwärts verlief. Wie sich auch aus der Belegung des Friedhofes ergibt, blieb die Front einige Monate zwischen den Kräften der Roten Armee und der ehemaligen Deutschen Wehrmacht stabil. Es war damals üblich, die gefallenen deutschen Soldaten im frontnahen rückwärtigen Bereich zu bestatten.

Frage:

Gibt es darüber noch Unterlagen oder wie gelang die Lokalisierung des Friedhofs?

Antwort:

Es gibt in Berlin die Deutsche Dienststelle, die während des zweiten Weltkrieges als Wehrmachtsauskunftsstelle bezeichnet wurde. Unter dem Schutz der "Genfer Konvention" - das gleich galt für alle anderen an diesen Konflikt beteiligten Staaten - wurden die Toten erfasst, unter anderem mit sogenannten Grablage-Karteikarten, aus denen die Personalien hervorgingen, die Einheit, die Daten der Erkennungsmarke und die Heimatanschrift der nächsten Angehörigen. Diese Grablagekarten werden heute noch in der Deutschen Dienststelle verwaltet.

Frage:

Dort fanden sich Hinweise zu dem jetzt rekonstruierten Friedhof?

Antwort:

Das ist richtig. Die Lokalisierung war jedoch problematisch. Hinweise auf Grabkarteikarten allein genügen nicht. Seit der Besetzung der Wehrmachtsauskunftsstelle durch die amerikanischen Streitkräfte im Frühjahr 1945 gilt deren Kartenmaterial als unauffindbar. Möglich ist, das die damalige Besatzungsmacht USA die Karten aus strategischen Gründen in die USA verbracht hat. Niemand weiss heute, wo dieses Kartenmaterial verblieben ist, auf dem sämtliche Soldatenfriedhöfe registriert und kartographiert wurden. Das macht die Suche auch so schwierig.

Frage:

Dieser Friedhof war noch erkennbar oder wie haben Sie den Ort gefunden?

Antwort:

Dieser Friedhof war von der Oberfläche her natürlich nicht mehr erkennbar. Dort gab es nur dichten Waldbestand und Buschwerk. Aber Einheimische erinnerten sich an die Lage des Friedhofs. Durch einen pensionierten Forstdirektor, der als Befreier Rogachevs im Februar 1944 bereits in Rogachev gekämpft hatte und durch sein Amt noch Erinnerungen präzisieren konnte, dieser Mann hat uns geholfen, den Friedhof in einem nach unseren Maßstäben urwaldähnlichen Gelände zu lokalisieren.

Frage:

Wie sieht es aus mit der Bereitschaft zur Hilfe durch die lokale Verwaltung? Für diese Arbeit sind doch sicherlich auch Genehmigungen von höherer Ebene erforderlich?

Antwort:

Aus Sicht der Deutschen Dienststelle ist der Deutsche Soldatenfriedhof Chodossowitschi der erste WK-II-Friedhof, der in Weissrussland wiederhergestellt worden ist. Grundlage waren natürlich das schon angesprochene durch humanitäre Arbeit gewachsene Vertrauensverhältnisse und vor allem die gesamteuropäisch geprägte Friedensarbeit der Rayonverwaltung Rogachev. Das Erlaubnisverfahren ist natürlich auch formell durchgeführt worden, aber es war zumindest aus meiner Sicht geprägt von menschlichem Verständnis, es gab keine bürokratischen Verzögerungen oder Behinderungen. Diese Form der Zusammenarbeit ist anerkennenswert und einmalig.

Frage:

Und dies trotz des noch nicht ratifizierten Kriegsgräber-Abkommens? Behindert dies die Arbeit oder hat dies keinerlei Einfluss?

Antwort:

Nach meiner persönlichen Bewertung hatte die noch anstehende Ratifizierung des Kriegsgräber-Abkommens auf die Arbeit und die Kooperation keinerlei Einfluss. Hinsichtlich der Ratifizierung gibt es Wertungen aus verschiedener Sicht. So wird auch die Auffassung vertreten, dass auf deutscher Seite die "technische Durchführung" des Abkommens primär die tradierte Monopolstellung eines Vereins fortschreibt.
Die Friedensarbeit der Lokalisierung und Wiederherstellung der Gräber ist aber schon seit langer Zeit möglich und könnte meines Erachtens auch allein unter den Schutzgedanken der Genfer Konvention realisiert werden.

Frage:

Was ist der gegenwärtige Stand der Arbeiten am Friedhof?

Antwort:

Der deutsche Soldatenfriedhof Chodossowitschi ist nach polizeilichen Maßstäben rekonstruiert worden. Alle dort Bestatten wurden zur Identitätsfeststellung exhumiert. Von den dort 368 Bestatteten wurden bisher 182 identifiziert. Ich gehe davon aus, obwohl wir nur 32 Erkennungsmarken sicherstellen konnten, dass doch bis 100 weitere Soldaten identifiziert werden können. Nur so wird den Angehörigen Gewissheit über das Grab des Vaters, des Großvaters oder auch des Bruders gegeben.

Frage:

Nun sind diese Namen noch nicht auf den jeweiligen Kreuzen vermerkt, nur einige wenige habe ich gesehen. Wird dies in der Zukunft noch geschehen, wenn ja, woran liegt es, daß es noch nicht geschehen ist?

Antwort:

Diese aufwendige Arbeit muss sehr zuverlässig durchgeführt werden. Kriegsgräberfürsorge ist Staatsauftrag! Meiner Auffassung nach sollte die Bundesregierung dies beispielsweise durch politische Vorgaben bzw. aufgabengebunden finanzielle Förderung forcieren. Am Ende bleibt zu bedauern, das bisher die Beschriftung nicht durchgeführt worden ist. Aber ich möchte hier nicht zu sehr in Details gehen, die auf anderer Seite missverstanden werden könnten, gehe allerdings davon aus, dass so oder so die notwendige Unterstützung erfolgt, damit im nächsten Jahr die Beschriftung durchgeführt werden kann.

Frage:

Wie soll es weiter gehen mit diesem Friedhof?

Antwort:

Der Kernbereich des Friedhofes soll nach Auffassung der bereits bekannten Hinterbliebenen und nach der Auffassung der Rayonverwaltung in seiner ursprünglichen Gestaltung erhalten bleiben. Dies auch in Erinnerung an die Toten und an die furchtbare Zeit des Krieges. In Respekt vor der Würde der durch die nationalsozialistische Hitler-Diktatur in den Tod getriebenen Menschen und zum Schutz der Totenruhe muss als Mahnung gegen jeden Krieg und gegen jede Gewaltherrschaft dieser Friedhof erhalten bleiben. Die auf Wunsch des Volksbundes bereits zur Verfügung gestellten weiteren Flächen sind für notwendige Zubettungen vorgesehen. Die Gestaltung wird durch den Volksbund für Kriegsgräberfürsorge e.V. erfolgen.

Frage:

Das bedeutet also, das jeder der dort ruht, sein Grab und sein Grabkreuz hat, nicht ein einzelnes Monument, wie es doch teilweise offensichtlich üblich ist.

Antwort:

Auch in soweit möchte ich nicht der jetzt anlaufenden Wiederherstellung vieler Friedhöfe prägend vorgreifen. Ich halte es aber für unzumutbar, daß in der Republik Belarus vier monumentale Großanlagen entstehen mit einer pseudogermanischen Friedhofsarchitektur, die nur psychische Verletzungen bei Veteranen des letzten Krieges und bei den Menschen hier bewirken können.
Im guten Einvernehmen mit der Rayonverwaltung und vieler Freunde hier in Weissrussland bin ich der Ausfassung, dass vom Grundsatz die gestorbenen Menschen auf beiden Seiten und deren Angedenken fordern, nur dort, wo entweder kleine Grablagen oder einzelne Feldgrablagen festgestellt werden oder bauliche Maßnahmen es erfordern, Exhumierungen gerechtfertigt sind und Zubettungen in einen Rayonfriedhof, wie beispielsweise hier in Chodossowitschi, erlauben.

Frage:

Wer finanziert das Ganze? Das kostet doch sicherlich sehr viel Geld!

Antwort:

Über die Herstellung des Kernbereiches möchte ich mich als Mensch, der der übergeordneten Bedeutung der Aufgabe wegen Zurückhaltung üben will, nicht äußern.
Die Finanzierung der Erweiterungsflächen für etwa 6.000 Gefallene erfolgt aus Mitteln, die der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge zur Verfügung stellte.

Frage:

Heißt das Chodossowitschi vollkommen aus Bundesmitteln finanziert worden ist?

Antwort:

Für die angesprochenen Erweiterungsmaßnahmen und die ersten 312 Kreuze trifft das meines Erachtens im Ergebnis zu. Ich schlage vor, diese Frage mit der Bundesgeschäftsstelle des VDK e.V. in Kassel zu klären, möchte aber auch erwähnen, dass der Bundesvorsitzende des Bundeswehrverbandes eine Kreuzspende für die übrigen Gräber bereitstellte.

Anmerkung:
Im Juli 2002 wurde durch den "arbeitskreis humanitäre projekte e.V." ein Jugend-Camp organisiert und durchgeführt. Während dieser Zeit wurden durch die weißrussischen Jugendlichen und Betreuer auch Instandsetzungs- und Pflegearbeiten auf dem Soldatenfriedhof Chodossowitschi durchgeführt. Unter anderem wurden hierbei 64 neue Grabkreuze aus einer Spende des Bundeswehrverbandes neu gesetzt.


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