Heimkehr Junkers Ju 52


 

Nr. 24 (Auszug) Juni 2003 Schutzgebühr EUR 1,00

 

Heimkehr der Ju 52/3m 6134 nach Dessau

Ein persönlicher Erlebnisbericht unseres Mitgliedes Franz Masser

Ein Traum wird wahr, es ist Donnerstag, der 26.1.1995, 19.30 Uhr; "In Dessau steht endlich wieder eine der legendären Junkers Ju 52/3m", so "Der alte Dessauer" vom 27.1.1995.

Womit ist zu beginnen? So halte ich denn das Flugbuch des Obergefreiten Dedecke in der Hand, lese seine Eintragungen als Bordfunker und den Namen des Piloten Krüger. Das Foto der Ju 52/3m g4e 1 Z +BY aus dem Archiv Dipl.-Ing. Kössler, das Anfang Mai 1940 zwei Skiläufer vor der Maschine zeigt - stimmt nachdenklich.

Erinnerungen gehen zurück in die finsterste Zeit nationalsozialistischer Diktatur.

Freitag, der 13. April 1940.13 Maschinen starten nach Norwegen. Für 12 von ihnen ein Flug ohne Wiederkehr. Nur eine Ju konnte von der Eisdecke des Sees wieder starten.

Viele Jahre sind vergangen. Wir hören von den auf dem Grund des Hanvigvann, nur 15 Kilometer von Narvik entfernt, in etwa 70 Meter Tiefe für 46 lange Jahre "schlafenden" Ju's. Norwegische Enthusiasten bergen eine Maschine. 1986 werden in einer beispielhaften Aktion vier weitere 'Tante Ju's" gehoben, zwei den norwegischen Partnern übergeben, eine nach Wunstorf und später eine nach Sinsheim geholt.

Bergung einer Ju 52 aus dem
Hartvigvann in Norwegen

Doch was geschah in dieser Zeit in Dessau. An den Menschen vorbei sah die real-sozialistische Diktatur des Proletariats in Prof. Hugo Junkers noch immer nicht den sozial engagierten und insbesondere die friedliche Weltluftfahrt prägenden Luftfahrtpionier. Dennoch gründete sich schon vor der Wende der "Themenkreis Hugo Junkers". Als es dem Volk in den dann neuen Bundesländern gelang, die Fesseln des real-sozialistischen Unrechtssystemes im Herbst 1989 abzustreifen, bekannten sich auch die Bürger Dessaus wieder frei und ohne jede ideologische Verfälschung zu den Wurzeln ihrer epochalen Technikgeschichte. So wurde der Wunsch vieler Dessauer, endlich eine Ju an ihren Geburtsort zurückzuholen, immer drängender, der "Förderverein Technikmuseum Hugo Junkers e.V." gründete sich, private Initiativen forschen nach den Dessauer "Tanten".

Dann konkretisierten sich die unterschiedlichen Bemühungen.

Die Mitglieder der Luftsportabteilung im Polizeisportverein setzen jede realistische Anregung, jeden Suchhinweis und wohl auch manche "Tatarenmeldung" um. Besuche in den USA, Portugal und Thailand. Hinweise auf Frankreich, die Tschechoslowakei - und dann Norwegen.

Olaf Trapp, der mit Harald Claasen und weiteren Freunden in Gardemoen (bei Oslos) eine der Ju 52 aus dem Hartvigvann restauriert, gibt den entscheidenden Tipp, stellt die Verbindung zu dem Norwegian Armed Forces Museum in Gardemoen her.

Und nun beginnt die eigentliche, die harte Arbeit. Das Bewältigen der vielen Probleme, die Organisation, die Finanzierung, das Beschaffen der Fördermittel, die Ausfuhrerlaubnis für die MiG 21, Grundsatzgespräche, ob der Bund sein Rückfallrecht an der Ju geltend machen würde, die "Aufklärungsfahrt" nach Gardemoen, das "Erobern" und Herrichten einer angemessenen und sicheren Hall»- usw., usw. und schließlich das Heimführen der Ju nach Dessau.

Das Tauschobjekt MiG 21 SPS, Werksnummer 5210, taktische Kennzeichnung 22 37, wird demilitarisiert, geprüft und durch das Verteidigungsministerium sowie das Bundesausfuhramt zur Ausfuhr nach Norwegen freigegeben.

Die Firma Brandt-Transporte engagiert sich für die Transporte der MiG und der Ju. Mit guter Hilfe des Regierungspräsidiums und der Landesregierung werden Fördermittel, zunächst unter dem Vorbehalt der Rechtsfähigkeit des Fördervereins, bis zur Abfahrt bereitgehalten. Alles scheint planmäßig zu verlaufen.

Unerwartet ein "Gerücht" aus Norwegen, Die alte Tante Ju soll einem norwegischen Museum zugeteilt werden !

Nun war das persönliche Engagement des Abgeordneten Ulrich Petzold gefordert. Ihm gelang es, mit Hilfe des Staatssekretärs im Verteidigungsministerium das Vorhaben zu stabilisieren und eine umfassende Begleitung zu ermöglichen.

Dann kommt der Tag, an dem wir uns mit "kleiner Mannschaft" nach Norwegen zu einer "Aufklärungsfahrt" einschiffen. Worum geht es ? Nach allen Hinweisen ging es um Zentimeter. Die Sturmfahrt wurde zum bleibenden Erlebnis. Riesige Brecher überschüttet das ganze Schiff. Der Speisesaal bleibt leer, das Geschirr intonierte klirrend den Takt der Wellen - und Dessauer unverwüstlich nehmen sich sehr, sehr viel Zeit, essen nur das Feinste vom Feinen. Und das unter den verständnislos-apathischen Blicken der wenigen bleich Umherwankenden.

Wir bewerten das als gutes Omen:

Fähre nicht gesunken, Zoll gesprächsbereit, Straßen breit genug, Tunnel bei Einsatz aller Fahrkünste passierbar, perfekter Straßenräumdienst, norwegische Partner gastfreundlich, unsere Freunde der Deutsche Lufthansastiftung Berlin kooperativ - also Alles "im grünen Bereich"!

Verladung der MiG in Dessau

Die letzten Vorbereitungen werden getroffen. Es ist Sonnabend,der 21.01.1995 - 09:00 Uhr. Mit Hilfe unserer Dessauer und eines gewaltigen Kranes beginnt die Verladung der MiG 21. Die Presse registriert freundlich und informiert umfassend. Bis 16.00 Uhr sollen die Vorbereitungen abgeschlossen sein. Der kleine Konvoi startet planmäßig, boardet am Sonntagnachmittag in Kiel ein. Dabei herzliche, fliegerkameradschaftliche Begleitung durch den deutschen Zoll. Die Überfahrt beginnt.

Am Montag treffen wir gegen 10:00 Uhr im Hafen von Oslo ein, werden durch einen Vertreter der Deutschen Botschaft begrüßt und freuen uns - wie sich später herausstellt leider zu früh - über die außergewöhnlich zügige Abfertigung durch den norwegischen Zoll. Nun sind wir mit unserer MiG in Norwegen. Es herrscht richtiger Winter. Riesige Schneeberge links und rechts der Straße. Es ist kalt. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln. Die Straßen sind schneefrei. Gegen Mittag treffen wir in Gardemoen ein und nehmen dankbar die Einladung unserer norwegischen Partner zu einem Mittagessen im Warmen an.

Dennoch, wir verlieren keine Zeit. Schnell wird der Tieflader in die Flugzeughalle bugsiert und die MiG 21 übergeben. Es ist dunkel. Kalt die norwegische Nacht. Der Schnee knirscht bei jedem Schritt, unser Atem bildet Dampffahnen. Dann und wann dröhnen Hubschrauber über uns hinweg. Die Ju ruht etwas unwirklich und schneebedeckt im Autoscheinwerferlicht. Wir wollen nicht länger warten.

    

Ein Traum wird Wirklichkeit. "Langsam hebt das Flugzeug ab, steigt, steigt Zentimeter um Zentimeter, Schnee rieselt vom Rumpf. Klaus Heinze lässt die Hand mit ausgestreckten Zeigefinger kreisen: Auf ! Die Ju 52 schwebt anderthalb Meter überm Boden. Eine fliegende Legende hängt am Kranhaken, eine Ju 52 für Dessau."

Alles drängt in uns, nur eins gilt noch: sicher unsere Ju nach Hause bringen. Plötzlich Schock und aufwallendes Unverständnis. Aus Sicht des norwegischen Zolls ist die MiG unerlaubt eingeführt worden. Hektik ordnet sich in gezielte Aktivität. Unsere norwegischen Partner helfen, Telefonate mit der deutschen Botschaft und der Heimat. Firma Brandt beordnet die notwendigen Formalien. Endlich die erlösende Meldung "Abfahrt freigegeben".

Mittwoch, 25.01.1995,11:00 Uhr, Start Landtransport Gardemoen - Oslo, 12.30 Uhr Boarding und Seetransport Oslo - Kiel bei ruhigem Wetter.

Mit jedem Kilometer gen Heimat steigt das Gefühl, wir haben Unglaubliches geschafft. Eine Ju für Dessau!

Am Donnerstag legt die Autofähre in Kiel gegen 10.00 Uhr wohlbehalten an. Und dann läuft alles weitere wie unter dem Unser Schwerlasttransport verlässt als erster das Schiff, schon liegen die Zollformalitäten mit einem "Gute Fahrt" hinter uns; in Kiel scheinen alle Ampeln auf "Grün" zu stehen. Zwar kündigt der Verkehrsfunk Stauungen im Großraum Hamburg an, doch wenn Polizeibeamte reisen... Kollegen winken uns zu. Auf der A24 legen wir eine kurze Rast ein, passieren Schleswig-Holstein planmäßig. Auch in Niedersachsen ist die Bahn für uns frei. Der Konvoi scheint Flügel bekommen zu haben. Endlich sind wir in Sachsen-Anhalt, viel zu früh. Also wird noch ein technischer Halt gemacht, Koordinierungstelefonate geführt. Erste Junkersenthusiasten schließen sich in Roßlau an. Der Konvoi erreicht Dessau. Schnell bildet sich ein Autokorso. Tante Ju hat Vorfahrt. Menschen winken, wischen sich die Augen.

Unüberhörbar biegen wir auf das Polizeigelände ein, fahren am Regierungspräsidium vorbei, unterbrechen so ungewollt die Pressekonferenz des Fördervereins.

Vor uns liegt die beleuchtet Halle in neuem Glanz. Mütterliche Strenge unserer Dagmar Klaffke motivierte die Luftsportabteilung, die Unterstützung des
Malereibetriebes Palette und die Arbeit vieler Helfer bewirkten ein Vorortwunder.

Die Tore der Halle, die Herzen der Dessauer sind offen: Unter den Klängen des Dessauer Marsches kehrt die "gute Tante Ju" in ihre Heimat zurück.

Ein Traum ist Wirklichkeit geworden.

Franz Masser (Polizeipräsident a.D.)

 

Den Beitrag unseres Clubmitgliedes Franz Masser möchten wir mit folgenden Bildern noch erweitern bzw. untermauern. Die Bilder zeigen in chronologischer Reihenfolge die aus Norwegen zurück geholte Ju52/3m in den verschiedenen "Bearbeitungsstadien". Heute könnte man meinen, die gute alte "Tante Ju" steht zum Abflug bereit. Zu verdanken ist dies auch den fleißigen ehrenamtlichen Mitarbeitern der Arbeitsgruppe "Reko Ju-52".

  

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